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    Herrenlose Fischernetze als gigantische Fallen

     

    Der Skandal ist hinlänglich bekannt: Die industrielle Fischerei leert mit ihren Fangmethoden unsere Meere - gegen jede ökologische und ökonomische Vernunft. Jetzt dringt ein weiterer schockierender Umstand an die Öffentlichkeit: Im Nordatlantik werden rund 70 Prozent der Fänge noch nicht einmal an Bord geholt. Die Fische verrotten in herrenlosen Netzen. Die alarmierende Nachricht kam von der Gruppe Deepnet, einem Gemeinschaftsprojekt der Länder Großbritannien, Norwegen und Irland. Die Forscher gehen davon aus, dass inzwischen Stellnetze mit einer Ausdehnung von insgesamt 5.800 bis 8.700 Kilometern ohne menschliche Kontrolle als gigantische Falle im Tiefenwasser herumtreiben. Stellnetze sind im Prinzip riesige Wände von teils mehr als 250 Kilometern Länge. Die Fische verfangen sich in den Maschen. Dort ersticken sie qualvoll, denn Fische nehmen den nötigen Sauerstoff über den Wasserdurchfluss durch ihre Kiemen auf. Dieser Durchfluss wird blockiert, wenn sie feststecken. Die Tiere verwesen und werden durch die Maschen gespült. Aber nicht nur Fische ereilt dieses Schicksal: Hängen bleibt alles marine Leben, was größer ist als die Maschenweite. Norwegische Untersuchungen über Tiefenwasserstellnetze für Grönländischen Heilbutt haben ergeben, dass die Netze, nachdem sie außer Kontrolle geraten sind, noch mindestens zwei bis drei Jahre weiterfischen. Im Nordatlantik sind deswegen bereits zwei Dornhai-Arten zu etwa vier Fünfteln ausgestorben. Die reguläre dänische Stellnetzfischerei in der Nordsee ist für den Tod von bis zu 7.000 Schweinswalen im Jahr (!) verantwortlich. Das sind mehr als vier Prozent des Gesamtbestandes. Zwar werden die Netze hier nicht aufgegeben, doch sie bleiben tagelang unkontrolliert im Wasser. Die kleinen Tümmler verheddern sich und ertrinken qualvoll. Warum die Netze nicht eingeholt werden, bleibt offen. Doch nach den Worten der Greenpeace-Meeresexpertin Stefanie Werner "deutet alles darauf hin, dass die Fischer viel mehr Netze ausbringen, als sie einholen und als Ladung unterbringen können. Oder sie finden ihre Netze schlicht nicht wieder." Werner: "Es gibt zwar alle möglichen EU-Regularien hinsichtlich Maschengröße, Flottenstärken und Fangquoten, aber nicht über den Zeitraum, den ein Netz maximal im Wasser bleiben darf. So haben die Fischer garantiert volle Laderäume, wenn sie zurückkehren. Und es ist billiger Netze aufzugeben, als Wartezeit zu investieren. Was zu viel ist, wird gedankenlos dem Meer übergeben." Die verlorenen oder zurückgelassenen Netze treiben völlig unbeaufsichtigt im Meer - wochenlang, monatelang, jahrelang. Das Problem ist nicht allein ein europäisches. Die Deepnet-Forschungen konzentrierten sich zwar auf die Stellnetzfischerei westlich und nördlich von Großbritannien und auf Irland rund um Rockhall und die Hatton Bank. Doch Stellnetzfischerei wird an vielen Orten der Welt betrieben. Verbindliche Regeln fehlen oft. Zudem ist die Deepnet-Studie eine der ersten zu diesem Thema. Für Stefanie Werner ist es eine Schande, dass Leben im Meer in einem solchen Ausmaß sinnlos ausgelöscht wird. "Es muss sichergestellt werden, dass aller gefangener Fisch in angemessener Zeit an Bord gelangt und verwertet wird", sagt sie. "Es darf nur so viel Netzwerk ausgebracht werden wie auch wieder eingeholt werden kann. Wo Meeressäugetiere leben, muss die Stellnetzfischerei ganz verboten werden." Greenpeace fordert darüber hinaus, dass zerstörerische Fischereimethoden - wie beispielsweise die Grundschleppnetzfischerei -grundsätzlich verboten werden. Weltweit müssen mindestens 40 Prozent der Meere unter Schutz gestellt werden.



     
      URL: http://www.greenpeace.de
    06.10.2005
    13 : 30


     
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