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Gehören Sie auch zu denen, die Positives Denken per se ablehnen. Naja, wenn relativ sicher ist, dass etwas klappt, kann man ja andeutungsweise optimistisch sein. Ansonsten aber tut es ein gepflegter Zweckpessimismus ja auch, nicht wahr. Oder wie meine Tante zu Lebzeiten noch zu sagen pflegte: „Ich glaube mal nicht daran, meinen Seppel (Ihr Mann) im Himmel wiederzusehen, dann bin ich auch nicht so enttäuscht, wenn es nicht so ist.“ – Na denn!
Alles anderen gehören zu den Jüngern des „american way of life“, der mittels NLP seuchenartig ständig lächelnde Menschen hervorbringt oder gar zu den Scientologen, die demnächst dann auch die Welt beherrschen werden – was Sie übrigens seit 30 Jahren wollen, glaubt man Ihren Gegnern (nein, ich gehöre werde dieser, noch anderen Organisationen an, das freie Radio Frankfurt ausgenommen).
Doch was spricht dagegen, die wahrgenommenen Reize unserer Umwelt einfach mal so zu interpretieren, dass Sie in das Gesamtbild eines zufriedenen Lebens passen? Reframing nennen das die Amerikaner übrigens.
Interpretieren, das tun wir sowieso millisekündlich, so wie es uns beliebt. Der Pessimist tut es nach diesen aufgesetzten Filtern, der Optimist eben nach jenen. Und, jeder hat in seinem Weltbild Recht. Außer, ja außer, dass ein pessimistisches Weltbild weitaus akzeptierter zu sein scheint, als sein optimistischer Antagonist. Sieht man Gedeih und Verderb auf Schritt und Tritt, findet man eben mehr Befürworter. Und das ist es eben, was wir wollen: Befürworter.
Machen Sie mal ein kleines Experiment. Es wird nicht lange dauern, da stehen Sie wieder in einer Gruppe Menschen, die über den Staat, die Steuern oder die Politiker herumjammern. Oder über alle drei auf einmal.
Sagen Sie jetzt:
„Ich verdiene so viel, dass ich auch viel Steuern bezahlen darf. Für mich ein gutes Zeichen dafür, wie reich ich bin. Dafür baut der Staat beispielsweise Straßen, auf denen ich gut und schnell von A nach B komme, was mich wieder mehr Geld verdienen lässt!“
Oder auch
„Seit es das Rauchverbot in Gaststätten gibt, rauche ich viel weniger und bekomme sogar noch an der frischen Luft einen Heizpilz hingestellt, der mich wärmt (na gut, er überhitzt in aller Regel den Kopf, was die Temperatur an den Beinen noch kälter erscheinen lässt. Aber der gute Wille zählt!). Außerdem bin ich sowieso froh, ab und zu mal aus einem langweiligen Gespräch aussteigen zu können, um eine Zigarette rauchen zu gehen (sofern der andere Nichtraucher ist) und meine Kleidung muss nach einem Kneipenbesuch nicht mehr zwangsläufig gewaschen werden!“
Was nutzt es denn auch, zumindest in dem Moment, sich über ein Rauchverbot aufzuregen? Nichts! Es sei denn, Sie machen es wie Helmut Schmidt (genau, der Bundeskanzler a.D.): Den juckt ein Rauchverbot einfach nicht, nicht mal im strengen Amerika. Er setzt sich darüber hinweg, und das mit Erfolg – alleine dafür gehört ihm der alternative Nobelpreis auf dem Gebiet der Selbstbewusstseinsforschung.
Nun, solange Sie aber weder das Selbstvertrauen noch den Status von Herrn Schmidt besitzen, empfehle ich Ihnen, wenigstens Versuchsweise, die Welt einmal in all Ihrer Schönheit wahrzunehmen und die Nützlichkeit mancher vordergründiger Ärgernisse zu erkennen.
Na ja, und wenn es nicht funktionieren sollte, können Sie ja wieder den guten alten Zweckpessimismus aus dem Schrank holen und sich an konspirativen Raucherstammtischen über ihr zu geringes Gehalt oder über zu hohe Steuern aufregen.
Wohl bekomm´s
Ihr
Joachim Letschert
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