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"Im Strahlenmer" Teil 1
Während verstrahlte Atommüllbehälter täglich Schlagzeilen machten, recherchierte ein 40köpfiges internationales Greenpeace-Team bei der Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield im Nordwesten Englands, einem der schlimmsten atomaren Verschmutzer der Meere. Sechs Wochen lang nahmen die Umweltschützer im Meer und im Landesinneren Sediment- und Bodenproben. Roland Hipp, Aktionskoordinator vom deutschen Greenpeace-Büro, erzählt über den Einsatz:
Wir wußten nicht, ob wir überhaupt tauchen konnten. Wenn wir zu Anfang die Werte gemessen hätten, die wir am Schluß fanden, wäre keiner von uns runter, soviel ist sicher.
Dabei waren wir auf vieles gefaßt. Schließlich war klar, daß in Sellafield nicht nur das Meer und die Küste, sondern auch das Landesinnere radioaktiv verseucht ist. Um zur Not auch ohne Tauchen Proben nehmen zu können, bauten wir uns eine acht mal vier Meter große Plattform, die wir jeden Tag zur Einleitungsstelle raus und wieder rein schleppten. An Bord der mobilen Station installierten wir ein kleines Büro, Kompressoren und Generatoren. Wenn die Maschinen liefen, mußten wir uns anschreien.
Als erstes suchten wir mit einem Magnetometer die Einleitungsrohre für Abwässer. Das Gerät sendet Wellen aus, die von Metall reflektiert werden. Zwei Tage lang sind wir vor der Atomfabrik auf und ab gefahren und haben uns Meter für Meter bis zum Ende der Leitung vorgetastet. Dabei half uns auch eine manövrierbare Unterwasserkamera, in die wir ein Dosimeter eingebaut hatten. Auf dem Bildschirm, der auf der Plattform installiert war, konnten wir so den Meeresboden absuchen und zugleich die Radioaktivität Messen. Die erste Leitung, die wir fanden, endete zwei Kilometer vor der Küste im Meer, in 25 Meter Tiefe. Genau dort befestigten wir zwei Bojen und verankerten unseren Arbeitsplatz für die nächsten Wochen.
"Im Strahlenmeer" Teil 2
Wir hatten unser Lager zehn Kilometer entfernt in dem idyllischen Dorf St. Bees aufgeschlagen. Die zwei Hotels am Ort hatten uns gesagt: Wir haben nichts gegen Greenpeace, aber wenn wir euch reinlassen, bekommen wir keine Kunden von BNFL(British Nuclear Fuels Limited), dem Betreiber der WAA, mehr. Da wird einem die Abhängigkeit der Leute erst richtig bewußt. Viele wollen gar nicht wissen, in welcher verstrahlten Gegend sie leben. Etliche Fischer, die nach wie vor in der Region fischen, fragten uns: Wie schlimm ist es denn nun?, und liefen weg, noch bevor wir antworten konnten.
Man muß sich das vorstellen: Cumbria ist eine wunderschöne Gegend, ein Nationalpark mit Wiesen, Flüssen, Bergen, alten Schlössern. Richtig zum Urlaubmachen. Und dann schaltest du den Geigerzähler ein, der rastet aus, zeigt 200 Becquerel pro Sekunde - in Hamburg sind es zwischen 10 und 20 Becquerel (in Becquerel wird die Intensität einer radioaktiven Strahlung gemessen). Da weißt du, daß alles um dich herum radioaktiv verseucht ist. Plutonium findet sich in Hausstaub und Milchzähnen.
Umso mehr überraschte uns der Wert am Ende des Auslaßrohres: 11,5 Mikrosievert pro Stunde, etwa so hoch wie vor La Hague (die Maßeinheit Mikrosievert gibt die biologische Wirkung der Strahlung an). Das sprach für die Vermutung, daß BNFL im Vorfeld unserer Aktion nochmal kräftig eingeleitet hat, um während unserer Probenahmen kürzer treten zu können. Also beschlossen wir zu tauchen, um Bodenproben zu nehmen.
Ich stand an Deck, die Stoppuhr in der Hand, um sicherzugehen, daß wir die Grenzwerte, die wir uns selbst gesetzt hatten, nicht überschreiten: täglich maximal 100 Mikrosievert Strahlung pro Taucher und maximal 200 Mikrosievert für den ganzen Einsatz. Als die Werte auf über 300 Mikrosievert pro Stunde kletterten, durfte keiner mehr runter. Zum Vergleich: Diese Strahlung pro Stunde entspricht der zulässigen Jahresdosis für den Normalbürger in Deutschland.
"Im Strahlenmeer" Teil 3
An Bord hatten wir Overalls, Schwimmwesten, Handschuhe und Gesichtsmasken an. Die Taucher trugen spezielle Helme mit drei Sicherheitsventilen und Vollschutzanzüge, so daß sie zu keiner Zeit direkt mit Wasser in Berührung kamen. Auch nicht, wenn sie sich irgendwo aufgerissen hätten, der Überdruck im Tauchanzug hätte das Wasser nicht eindringen lassen. Luft bekamen sie über bis zu 150 Meter lange Schläuche. Und um die Taucher vor der Bodenstrahlung zu schützen, legten wir ihnen Bleisohlen in die Schuhe. Alles, was aus dem Wasser hochkam, Taucher oder MeßGeräte, wurde erstmal mit einem Hochdruckreiniger abgespült, Schicht für Schicht.
Von da an ging die Routinearbeit los: fotografieren, Bodenproben hochholen, abfüllen, vorab Messen, ins Labor oder in ein sicheres Depot bringen, Motoren oder Kabel reparieren, die Plattform instandhalten, das Hamburger Büro informieren und die nächsten Schritte besprechen.
Nachdem wir in allen Himmelsrichtungen gemessen haben, können wir zweierlei sagen: Direkt am Ende des Abflußrohres ist schätzungsweise eine 10.000 Quadratmeter große Fläche hochgradig kontaminiert. Und eine fünf bis acht Seemeilen entfernte Schlammbank - sie umfaßt zehn bis 20 Quadratkilometer - ist voll mit hohen Konzentrationen von Plutonium, Cäsium-137 und Americium-241 - alles radioaktive Stoffe, die von der Wiederaufarbeitungsanlage stammen. Damit haben wir widerlegt, was die Betreiber immer wieder behaupten: Nicht nur der Bereich am Ende des Abflußrohres ist verseucht, sondern das ganze Gebiet rings um die Anlage. Wir haben sogar vor der etwa 150 Kilometer entfernten irischen Küste Spaltprodukte wie Cäsium und Americium, gefunden.
Von wegen das Zeug verteile sich schon mit der Zeit im Atlantik. Das wollen die Atommanager immer glauben machen. Aber das Gegenteil ist wahr: Das Wasser spült die Radioaktivität zurück an Land. Auf einem Acker bei Newbiggin am tideabhängigen River Esk springt der Geigerzähler bis auf 400 Becquerel pro Sekunde hoch. Es gibt Analysen, die weisen bis zu 9000 Becquerel Cäsium 137 aufs Kilogramm Erdreich aus, Americium und Plutonium lassen sich ebenfalls feststellen. Um es nochmal zu sagen: Die Region New Biggin liegt bis zu vier Kilometer im Landesinneren. Und die Leute wissen das. Die Leukämie-Rate hier in der Gegend ist zehnmal höher als andernorts. Noch immer bestreiten viele, daß diese tödliche Gefahr von Sellafield ausgeht. Andere fragen zu recht: Woher soll sie denn sonst kommen?
"Im Strahlenmeer" Teil 4
Um die Bevölkerung zu beruhigen, ließ BNFL den Garten der Schwestern Jane und Barry Robinson abtragen. Die beiden Frauen hatten viele Jahre lang Tauben gefüttert, die – wie Greenpeace feststellte - radioaktiv verseucht waren. Offensichtlich hatten die Tiere immer in der Wiederaufarbeitungsanlage übernachtet, weil es dort schön warm ist. 200 Tonnen Erdreich wurden weggebracht, das muß man sich mal vorstellen, alles Atommüll, der endgelagert werden muß. Die Abwasserrohre, die Dachrinnen, das Dach, das die Tauben vollgeschissen haben, alles radioaktiv. Eigentlich hätten sie das ganze Haus abreißen müssen. Die Nachbarn kamen dann auch an und wollten neue Dächer. Da könnte ja jeder kommen, war die Antwort.
Ich habe den Eindruck, daß die Taubengeschichte den Leuten den Rest gegeben hat. Viele sagen, was sollen wir denn noch machen? Manche sind wütend, zeigen es aber nicht, die meisten verzweifelt, resigniert. Die WAA hat alles kaputtgemacht und verhindert auch für die Zukunft, daß sich andere Industriebereiche dort ansiedeln. Nach Sellafield will keiner, weil sich Produkte aus der Region schlecht verkaufen lassen. Der Name steht für Radioaktivität und ist schon fast ebenso berüchtigt wie die ursprüngliche Bezeichnung "Windscale”. Wegen der vielen Strahlen-Skandale in Windscale seit den 50er Jahren hatte die britische Atomindustrie die Anlage einfach in Sellafield umgetauft. So, als ließen sich nukleare Altlasten mit einem neuen Namen unter die Wiese kehren.
Unter der Hand sagte uns ein Inspektor der Internationalen Atom- und Energieorganisation aus Wien, der die Plutoniummengen in der Anlage überprüft (derzeit lagern dort 50 Tonnen), daß man sich über verstrahlte Tauben nicht zu wundern brauche, in der Anlage stünden überall Fenster offen. Man sehe sogar Seevögel in den Abklingbecken schwimmen. Sein Resumée: In Sellafield tun sie, was sie wollen, nicht was sie müssen. So tritt auch die BNFL auf, spätestens dann, wenn es mit den Argumenten eng wird: Wir sind der Staat, und wir haben die Lizenz. Basta.
Tony Blair führt das Land im Sinne der Wirtschaft, jede Mark ist für ihn wichtig, und in Sellafield macht er Milliarden. Und schließlich sorgt die Wiederaufarbeitung für die Aufrechterhaltung der Atomindustrie - auch in Deutschland. Deutscher Atommüll wird Jahr für Jahr hierher gebracht. Denn es gibt nur zwei Entsorgungswege: ein (bisher nicht existierendes) Endlager oder die Wiederaufarbeitung. Wer nicht entsorgen kann, muß abschalten.
Anfang Juli kehrte das Greenpeace-Team mit einer Vielzahl von Proben im Gepäck zurück. Noch am Tag der Ankunft der "Beluga" wurden diese beschlagnahmt und von der Hamburger Umweltbehörde untersucht. Seither ist es amtlich: Bei den Proben handelt es sich um Atommüll.
Aufgezeichnet von Andrea Hösch
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